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Cxislo
Anmeldedatum: 01.02.2004 Beiträge: 1596 Wohnort: Berlin, DE

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Verfasst am: 22.03.2008, 13:05 Titel: Linke Opposition in Russland zwischen den 1850ern und 1905 |
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[Autor bin ich, ist aber qualitativ nicht allzu schön, egal. ;)]
Einreichung am: 14.02.2008
Inhalt
1. Einleitung..........................................................................................3
2. Erste Phase: 1850er Jahre bis 1868.................................................3
2. 1 Anfänge der "Intelligencija"...........................................................3
2. 2 Nihilisten........................................................................................4
2. 3 Beginn der Zemstvo-Bewegung.....................................................5
2. 4 Erste revolutionäre Gruppen..........................................................5
2. 5 Moralische Nihilisten.......................................................................6
3. Zweite Phase: 1869 bis 1878............................................................7
3. 1 Narodničestvo.................................................................................8
3. 2 Zweite "Zemlja i Volja"..................................................................10
4. Dritte Phase: 1879 bis 1905.............................................................11
4. 1 "Narodnaja Volja"..........................................................................12
4. 2 Gruppe "Osvoboždenie truda".......................................................13
4. 3 Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDRP).................14
4. 4 Radikale Zemstvo-Bewegung.........................................................15
5. Schlussbetrachtung...........................................................................17
6. Quellen..............................................................................................18
1. Einleitung
Diese Proseminararbeit behandelt die wesentlichsten Gruppierungen und Bewegungen des linken Spektrums in Russland im Zeitraum zwischen der Mitte der 1850er Jahre bis zum ersten Revolutionsjahr 1905. Mit dieser Arbeit wird versucht, die Anfänge der linksgerichteten Bewegungen aufzuzeigen und wie sie ineinander übergehen und aufeinander aufbauen, denn besonders die linken Bewegungen waren es, die das Zarenreich allmählich von innen ins Wanken brachten. In dieser Arbeit soll der Schwerpunkt verstärkt auf den typisch russischen Eigenheiten, nämlich der Zemstvo-Bewegung und der des Bauernsozialismus, liegen.
2. Erste Phase: Mitte 1850er Jahre bis 1868
Die erste Phase kennzeichnet das Entstehen einer breitgefächerteren Intelligenz und das Erwachen eines gewissen Sozialbewusstseins. Zu den anfänglichen zaghafteren Wunschesäußerungen nach Reformen des Staates innerhalb des bestehenden Systems kamen rasch radikale Theorien zu gewaltsamen Umstürzen.
2. 1 Anfänge der "Intelligencija"
Unter dem Zaren Alexander II. (1855–1881) wurde die Pressezensur gelockert, so dass sich oppositionelle Kräfte nun in deutlicherer Form als je zuvor öffentlich über ihre Gedanken miteinander austauschen konnten. Der Ton radikalisierte sich jedoch rasch und es bildeten sich schon früh erste Interessengruppen.
Die Intelligenz dieser Zeit verbindete bestimmte wesentliche Merkmale wie der Überzeugung, dass ein politischer und sozialer Wandel erfolgen muss, außerdem sahen viele die Notwendigkeit, für einen sozialen Ausgleich zwischen ihnen und den ärmeren Massen zu sorgen. Jedoch gehörten seit dem Einsetzen der Industrialisierung, durch die eine allmählich wachsende bürgerliche Intelligenzschicht enstanden ist, längst nicht mehr alle Intelligenzler dem Adel an, besonders ausgeprägt ist dies in den Städten. Einen Angehörigen dieser neuartigen Mischung aus Menschen unterschiedlicher Standeszugehörigkeit bezeichnete man auch "raznočinec".
Seit Mitte der 1850er gab es im Wesentlichen zwei Zeitungen, die entscheidend das Denken und die Stimmung der Intelligenz beeinflussten; einerseits die Zeitschrift "Kolokol" (Glocke), die erstmalig Mitte 1857 in London durch A. I. Gercen (1812-1870) und N. P. Ogarëv (1813-1877) erschienen ist, und andererseits den in St. Petersburg durch N. G. Černyševskij (1828-1889) und N. A. Dobroljubov (1836-1861) herausgegebenen "Sovremennik" (Zeitgenosse). Der "Kolokol" galt als vergleichsweise gemäßigt, da darin zunächst lediglich tiefgreifende Reformen des Zarenreiches einschließlich der Bauernbefreiung und Landverteilung, die Beseitigung der Pressezensur und das Verbot der Körperstrafe gefordert wurden. Mit zunehmender Enttäuschung über den Unwillen des Staates zu jeglichen Reformen verstärkten sich die Forderungen im "Kolokol" und diese näherten sich deswegen mit der Zeit den extremeren Ansichten Černyševskijs an.(1)
2. 2 Nihilisten
Die Nihilisten waren radikale Angehörige niederer Klassen, aber sie galten dennoch als intelligent.(2) Der Begriff "Nihilist" in dieser extremen Bedeutung geht zurück auf das 1862 erschienene Buch "Otcy i deti" (Väter und Söhne) des Schriftstellers I. S. Turgenev (1818-1883) und bedeutet die völlige Ablehnung althergebrachter Traditionen und Werte. Bald darauf schon wurden die Begriffe "Nihilist" und "russischer Revolutionär" beliebig austauschbar. Als Grundlagentheoretiker haben sich neben Černyševskij besonders die Schriftsteller Dobroljubov und D. I. Pisarev (1840-1868) hervorgetan. Trotz dieser Theoretiker fehlte es vielen Anhängern dieser Bewegung am notwendigen Bildungshorizont, um kompliziertere Sachverhalte klar strukturiert zu durchdenken. Viele hatten nur ein Ziel vor Augen, nämlich den Sturz des bestehenden Systems, aber wie genau dies erfolgen sollte, war ungewiss. Auch war es mehrheitlich völlig unklar, was danach geschehen solle. Zudem sollte das Volk mitregieren, doch auch hierfür gab es keine genaueren Vorstellungen. Deshalb könnte man sie durchaus als romantisch-verklärte Utopisten betrachten.(3)
Für die Nihilisten galt die aufkommende positivistische Wissenschaftsschule als die alleinig gültige und nur empirisch ermittelbare Fakten waren zulässig. Es bildete sich daher aus ihrer Mitte eine neue geistige Denkrichtung, die sich als eine vereinfachte Form des utilitaristischen Materalismus beschreiben lässt. Dies bedeutete, dass jeglicher Gedanke und jegliche Aktion nur danach beurteilt würden, inwieweit sie nutzbar im Sinne der Bildung einer neuen, verbesserten Gesellschaft wären. Dieses Prinzip wurde nicht nur auf alle Lebensbereiche angewendet, sondern selbst auf jegliche Form der Kunst.
Černyševskijs programmatische Theorien im oben genannten "Sovremennik" entwickelten sich zur wichtigsten Grundlage der Bewegung der Nihilisten. Er gilt als Vordenker des so genannten "Bauernsozialismus". Wesentlichstes Merkmal dieses Bauernsozialismus ist die russische Obščina, die bäuerliche Dorfgemeinde. Dank der Obščina sollte es möglich sein, Russland ohne Umweg über den Kapitalismus zum Sozialismus zu bringen.(4) Das Land sollte nicht mehr zentralistisch regiert werden, sondern sich zu einem Verbund lose verbundener Genossenschaften entwickeln. Nur so könnten die negativen Auswirkungen des Kapitalismus vermieden werden, die man im Westen Europas beobachten konnte.(5) Im April 1862, während der Bauernunruhen, veröffentlichte er die Schrift "An die Adelsbauern", weswegen er verhaftet und verurteilt wurde. In seinem 1863 im Gefängnis verfassten Roman "Čto delat'?" (Was tun?) beschäftigte sich Černyševskij mit der Entwicklung eines neuen Menschentyps.(6) Es wird sogar vermutet, dass die Redaktion des "Sovremennik" 1862 versuchte, eine revolutionäre Gruppe zu begründen.
2. 3 Beginn der Zemstvo-Bewegung
Eine weitere liberale und daher oppositionelle Strömung erwuchs aus dem Landadel. Ausgehend vom Gouvernement Tver' wurden in der ersten Hälfte der 1860er Jahre Stimmen laut, die die Befreiung der Bauern und deren Ausstattung mit Land verlangten. Zugleich aber wollten sie für diese Ausfälle vom Staat einen Ausgleich erhalten. Anfang 1862 weiteten sich die Forderungen weiter aus. Es ging insbesondere um die Sehnsucht nach weiteren Reformen, wozu die Transparenz öffentlicher Organe und die Verringerung der Gängeleien durch die staatliche Bürokratie gehörten, aber auch das Aufheben der Standesunterschiede. Um die Gefahr des liberalen Landadels zu entschärfen, beschloss der Staat, das Konzept der "Zemstva" von 1859 nun doch zu verwirklichen und zum 01.01.1864 in Kraft zu setzen. Dadurch sollte einerseits die Aufmerksamkeit des Landadels umgelenkt und andererseits generell ein neues Betätigungsfeld für dessen Angehörige geschaffen werden. Diese kommunalen Regierungen waren nie für das gesamte Land vorgesehen und die geplante Anzahl von 33 mit Zemstva ausgestatteten Gouvernements wurde erst 1875 erreicht.
Die Bezeichnung "Zemstvo" ist eine Abkürzung geht auf die beiden Begriffe "zemlja" (Land, Boden) und "gosudarstvo" (Herrschaft, Staat) zurück. Die Zemstva bildeten auf dem Lande eine Art selbstständige Entscheidungsträger und in ihnen waren Vertreter aller drei Stände vereinigt, obgleich dem Adel die wichtigste Stellung eingeräumt worden war. Jeder Zemstvo schuf eine vom Staatswesen eigenständige Verwaltung, die sich um die Belange und das Wohlergehen ihres Gouvernements kümmerten. Dazu gehörten beispielsweise das Verkehrs- und Postwesen, das Schulwesen und das Gesundheitswesen.(7)
2. 4 Erste revolutionäre Gruppen
Auf Grund der Studentenunruhen der Jahre 1861 bis 1863 entwickelte sich die revolutionäre Bewegung in eine neue, radikalere Richtung. Während dieser Unruhen bildeten sich erste Gruppen heraus und es traten insbesondere zwei Hauptrichtungen deutlich hervor. Erstere bevorzugte den Aufstand der Bauern, der die Autokratie zu Fall bringen sollte, und zweitere propagierte Akte des Terrors, um dieses Ziel zu erreichen.
Bemerkenswert unter jenen kleineren Gruppen ist die bereits im Sommer 1861 in St. Petersburg gegründete Gruppe "Velikoruss" (Großrusse), die sich unter anderem mit Hilfe von Flugblättern an die Teile der Intelligenz richtete, die für den Sturz der bestehenden Autokratie und der Errichtung einer konstitutionellen Regierungsform eintraten. Weiterhin gab es die Gruppierung "Das junge Russland", welche zur völligen Zerstörung der Autokratie und der Zarenfamilie aufrief, wobei sie allerdings auf Grund der stark auf eine dogmatische Linie ausgerichtete Struktur auf wenig Anklang weder bei anderen Revolutionären noch bei der Intelligenz fand.
Die beiden Zeitungsorgane "Sovremennik und "Kolokol" trugen wesentlich zur Gründung der ersten "Zemlja i Volja" (Land und Freiheit) im Herbst 1862 bei. Diese Gruppe machte erstmalig auf sich aufmerksam mit der Schrift "Was braucht das Volk?" Im Wesentlichen stellte die Hauptstadt St. Petersburg das Zentrum ihres Tätigkeitsfeldes dar, allerdings betätigten sich ihre Anhänger, die sich mehrheitlich aus der jungen Intelligenz rekrutierten, auch in anderen größeren Städten wie Moskau, Tver', Saratov und Kazan'. Durch diese Beziehungen erwuchs aus der ersten "Zemlja i Volja" nach und nach eine überregionale Organisation. Besonders kümmerten sie sich um die Veröffentlichung und Verteilung von diversen Broschüren und Flugblättern, in denen sie ihre Theorien zum Bauernsozialismus veröffentlichten. Auf Grund des fehlenden Rückhalts in der Bevölkerung löste sich diese Gruppe bereits im Sommer 1864 selbst auf.(8)
2. 5 Moralische Nihilisten
Auch wenn sie politisch gesehen nur wenig bedeutend waren, sind die so genannten "moralischen Nihilsten" ein interessantes Phänomen dieser Zeit.(9)
Ende des Jahres 1863 gründete sich der Kreis um N. A. Išutin (1840-1879), der Terrorakte als ein legitimes Mittel im revolutionären Kampfes ansah. 1865 schloss sich Išutin mit einer Gruppe aus St. Petersburg zusammen aus dessen Umfeld D. V. Karakozov (1840-1866) entstammte, der im April des Folgejahres einen Attentatsversuch auf den Zaren Alexander II. verüben sollte.(10)
S. G. Nečaev (1847-1882) war einer der wenigen Revolutionäre, die tatsächlich zur Arbeiterklasse gehörten, was ihm eine gewisse Anerkennung innerhalb der Bewegung verschaffte.(11) Er verfasste gemeinsam mit dem radikalen Anarchisten M. A. Bakunin (1814-1876) im Winter 1868/69 das "Programm der revolutionären Taten" in dem Glauben, dass bald eine Massenerhebung erfolgen würde, die dann in eine vom Volke getragene Revolution münden werde. Dort und in seinem "Katechismus des Revolutionärs" gab Nečaev nicht nur klare Anweisungen zum revolutionären Kampf mit allen Mitteln, sondern auch wie eine konspirative Organisation richtig zu führen sei. Soziale Verbesserungen der Bevölkerung waren für ihn von sekundärer Bedeutung.(12) Hauptziel war für ihn die komplette Zerstörung des Bestehenden und die Aufgabe jeder moralischen Hemmnisse, denn nur so sei die Revolution zu bewerkstelligen. Das eigene Selbst habe keinerlei Bedeutung mehr, sondern alles Streben müsse auf die Revolution ausgerichtet sein. Um dies zu erreichen, so Nečaev, müsse eine streng hierarchisch ausgerichtete Machtstruktur gebildet werden, damit ohne Widerrede jedwede Tätigkeit ausgeführt werden könne, die den Staat und die Gesellschaft weiter destabilisiere. Im Herbst 1869 begründete Nečaev die Organisation "Narodnaja Rasprava" (Volksgericht), aber er musste nach der Ermordung eines Abweichlers aus Russland fliehen, jedoch wurde er aber 1872 in der Schweiz deswegen verhaftet und letztendlich ausgeliefert.
Ein weiterer aus der Strömung dieser Urnihilisten ist P. N. Tkačëv (1844-1885), der ähnliche Ansichten wie Nečaev vertrat. Auch für ihn galt, dass er sich zwar als Revolutionär für das Volk betrachtete, aber die Einbeziehung des Volkes selbst in den revolutionären Kampf als sinnlos erachtete. Im Gegensatz zu Nečaev wollte Tkačëv aber nicht den gesamten Staat zugrunde richten, sondern gedachte, das bestehende System in Besitz zu nehmen und den eigenen Bedürfnissen entsprechend umzugestalten. Auch Tkačëv wurde 1869 verhaftet und nach Sibirien verbannt. Von dort aus konnte er jedoch Ende des Jahres 1873 nach Europa fliehen. In seiner von 1875 bis 1881 herausgegebenen Zeitung "Nabat" (Sturmglocke) legte er seine Theorien des Kampfes mit Hilfe einer straff durchstrukturierten elitären Gruppe dar.(13) |
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Cxislo
Anmeldedatum: 01.02.2004 Beiträge: 1596 Wohnort: Berlin, DE

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Verfasst am: 22.03.2008, 13:06 Titel: |
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3. Zweite Phase: 1869 bis 1878
Die zweite Phase zeugt vom Entstehen einer breiten populistischen Bewegung, dem Narodničestvo, die ein Meilenstein in der Entwicklung der linken Opposition darstellt. Es zeigt sich, dass sich der Einfluss linker Gedanken nicht mehr lediglich auf einige wenige Menschen beschränkt, sondern nun in weiten Teilen der Intelligencija angelangt ist. Während dieser Zeit vertieft sich die Spaltung zwischen den beiden Hauptströmungen, von denen erstere den Umsturz ohne Einsatz von Gewalt, sondern als friedlichen Wandel aus dem Inneren der Obščina, dem angeblichem Kern der russischen Gesellschaft, propagiert, und den terroristisch veranlagten Gruppierungen, für die eine Veränderung des bestehenden Systems nur mit Hilfe gewalttätiger Aktionen ausgelöst und erzwungen werden könne.
3. 1 Narodničestvo
Das "Narodničestvo" kann man als eine Form des Populismus betrachten. Der Begriff leitet sich von "narod" (Volk) ab, und die Anhänger des Narodničestvo werden als "Narodniki" bezeichnet. Das Hauptziel dieser Bewegung war es, das Volk dazu zu bringen, die eigene Befreiung selbst in die Hand nehmen zu können.(14) Als bedeutendste Zeitung dieser Bewegung hatte sich die "Vperëd" (Vorwärts), im Ausland durch P. L. Lavrov (1823-1900) und N. V. Čajkovskij (1850-1926) ab 1873 herausgegeben, hervorgetan. Höhepunkt und zugleich Wendepunkt der Bewegung markierte der "verrückte Sommer" des Jahres 1874.
Im Narodničestvo wurde die Idee des Bauernsozialismus wieder aufgegriffen, nur gab es inzwischen klarere Vorstellungen wie dieses Vorhaben auf den Weg gebracht werden sollte. Die Anhänger versprachen sich von der Aufklärung der bäuerlichen Massen das richtige Mittel, um die Bauernschaft dazu anzuregen, sich gegen das Zarentum zu erheben. Sie sahen sich lediglich als Vertreter des Volkes und für sie war das Volk die wahre Kraft im Staate. Drei Hauptmerkmale verbinden die Anhänger des Narodničestvo: die Verklärung der Obščina, die Negierung jeglicher positiver Nutzen des Kapitalismus, und die Ablehnung eines Großteils der Theorien nach Marx, die für die Narodniki als unanwendbar auf russische Verhältnisse galten.
Obwohl es im Narodničestvo zwei Hauptströmungen gab, überwogen zunächst die gemäßigteren Stimmen über den radikal-terroristischen. Die wichtigsten Vertreter der gemäßigteren Strömung waren Lavrov und N. K. Michailovskij (1842-1904), die radikalere durch Bakunin. Allerdings gab es trotz unterschiedlicher Ansichten keine allzu deutlichen Trennlinien, sondern auch Überschneidungen zwischen beiden theoretischen Hauptrichtungen des Narodničestvo.(15) Die Narodniki folgten mit einiger Verspätung den Aufruf Gercens, den er 1861 im "Kolokol" veröffentlicht hatte. Die Revolutionäre sollten in das Volk (v narod) gehen und dort ihre revolutionäre Arbeit leisten. Der Aufruf Bakunins klang ungleich gewaltreicher: Die Revolutionäre sollten nicht nur in das Volk gehen, sondern auch die bisherige Wissenschaft vernichten.(16) Lavrov hatte bereits Kontakt zu Černyševskij und zur ersten "Zemlja i Volja" gehabt. Im westeuropäischen Exil veröffentlichte er seine Gedanken über eine eigene Interpretation des historischen Fortschritts nach Marx. Seiner Meinung nach ist Aufklärung des Volkes die beste Möglichkeit, dieses zur Revolution zu treiben. Nur wenn die Menschen die sozialistischen Theorien kennen, können sie auch dementsprechend handeln. Die so genannte "Fortschrittsformel" sah also die Beteiligung des Volkes am herbeigesehnten Umsturz der Autokratie als unabdingbar an. Lavrovs Mitstreiter Michailovskij betrachtete das "schöpferische Individuum", also die geistige Elite, als Grundlage jedweden gesellschaftlichen Fortschreitens. Er vertrat die "Stadientheorie" nach der die Rückbesinnung auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur im Zentrum stand. Als Langziel galt die Herstellung völliger Harmonie, und dies sollte auf friedlichem Wege bewerkstelligt werden. Wie auch Lavrov wies er Marx' Theorien zum Determinismus als falsch zurück, da sie nicht mit seinen eigenen Theorien in Einklang zu bringen war. Vorrangiges Ziel war die Schaffung einer politischen Vertretung für das Volk, die in der Form nur auf dem Rechtswege zu erlangen sei. Michailovskij verwahrte sich entschieden gegen jede Form des Radikalismus und gilt damit als Begründer des "legalen Populismus". Bakunin, im Gegensatz dazu, vertrat die Ansicht, dass das bestehende System nur mit Gewalt durch einen Aufstand der Arbeiter und Bauern zu bezwingen sei. Seine Theorien publizierte er 1873 in seinem Aufsatz "Staatlichkeit und Anarchie". Darin beschrieb er das Konzept des Staates als eine bloße Übergangserscheinung, die es gilt zu vernichten, da der Mensch und die Gesellschaft im Allgemeinen nur ohne Staat wirklich frei sein könnten. Daher gilt es, zahlreiche genossenschafttsähnliche Gemeinschaften zu gründen, die keiner fremden Verwaltung unterstehen und untereinander lediglich lose Kontakte pflegen, um keine neuen Abhängigkeiten zu bilden. In Bakunins "Abschnitt A" gab er klare Anweisungen wie eine Revolution erfolgen zu habe. Wie auch bei anderen Vertreter des Narodničestvo lag sein Hoffen auf der Tradition der Bauernerhebungen.(17) Bakunin sah auch in der marxistischen Gesellschaftsordnung eine Freiheitsgefahr, da sie ebenfalls ein festes Staatsgebilde darstellt und deshalb unbedingt zu vermeiden sei. Mit seinen Aufrufen zu deutlichem Handeln, das im Gegensatz zu den stark wissenschaftshaltigen Theorien der legalen Populisten stand, zog er rasch die revolutionäre Jugend in seinen Bann.(18)
Neben diesen Persönlichkeiten bildeten sich mehrere kleinere Kreise und Gruppen, die zumeist untereinander in Kontakt standen, in den größeren Städten innerhalb Russlands. Das verbindene Element war deren Nichtradikalität und die Ablehnung zentralistisch organisierter Strukturen. Bedeutenswert sind hierbei jener um 1869 in St. Petersburg gegründete Kreis um N. V. Čajkovskij (1850-1926). Dieser Kreis stand Lavrovs Theorien recht nahe. Ein weiterer bemerkenswerter Zirkel ist der 1872 gegründete Kreis um A. V. Dolgušin (1848-1885). Sein Hauptwirkungsraum lag in St. Petersburg, Moskau und dessen Umgebung. Im Gegensatz zu den Anhängern Čajkovskijs folgten jene Dolgušins eher Bakunins Theorien. So gesehen gab es folglich kein übergreifendes ideologisches Konzept hinter den Initiatoren dieser Bewegung, den Kreisen, außer eben der Gedanke, dass das Volk unterrichtet werden müsse. Was danach geschehen solle, war den meisten jedoch nicht klar.(19)
Der bereits eingangs angesprochene "verrückte Sommer" wurde von zahlreichen Vertretern der Intelligenzschicht und deren Zirkeln getragen. Sie wanderten, für damalige Verhältnisse, in Massen auf das Land, insbesondere nach Zentral- und nach Südrussland, um dort die Bauern von ihren Umsturztheorien zu überzeugen. Auf die Art, so stellten sie sich das vor, sollte die durch das Bauerntum getragene Revolution in Gang gesetzt werden. Trotz aller Bemühungen verhallten die Aufrufe der Narodnoki in der Regel ohne eine Reaktion unter den Bauern hervorzurufen. Die Bauern betrachteten mehrheitlich noch immer den Zaren als eine Art Übervater, der nur nichts von den gravierenden, von den Gutsbesitzern aufgezwungenen Zuständen wisse. Man geht davon aus, dass es mindestens 1000 Beteiligte gab, da allein 770 Narodniki verhaftet und angeklagt worden waren. Im so genannten "Prozess der 193" im Herbst 1877 wurden die als Drahtzieher eingestuften Revolutionäre abgeurteilt.(20)
3. 2 Zweite "Zemlja i Volja"
In Folge der Niederlage des "verrückten Sommers" kamen viele der übrig gebliebenen Narodniki zu dem Schluss, dass man nur etwas erreichen könne, wenn sie sich in einer fester zusammengeschlossenen Gruppe organisierten. So kam es zur Gründung der zweiten "Zemlja i Volja" Ende des Jahres 1876, der in etwa 200 Mitglieder fest angehörten. Sie hatten nun klarer umrissene Konzepte wie sie vorgehen wollten. Dazu gehörte die Umverteilung des Bodens auf die Bauernschaft, aber auch die Aufnahme von Terrorakten und Methoden der direkten Aktion nach Bakunin, um die Autokratie zu destabilisieren und so zu Fall zu bringen, galt nicht mehr als völlig verpönt unter vielen Anhängern. Weiterhin betätigten sie sich agitatorisch, und zwar besonders gegenüber den Bauern, auf die sie ihre Hauptanstrengungen lenkten, auch wenn sie nun auch Kontakte zum Industrieproletariat unterhielten.(21) Trotz des Fehlschlags des "verrückten Sommers" versiegte diese Bewegung nicht völlig, sondern in den Folgejahren zogen noch immer zahlreiche Narodniki auf das Land, was innerhalb der "Zemlja i Volja" Unterstützung fand. Dennoch trat vermehrt Ernüchterung über die Ergebnisse dieser scheinbaren Volksaufklärung ein, denn dem revolutionären Umsturz sind die Narodniki bisher noch keinen Schritt näher gekommen, gleichgültig wie intensiv ihre Anstrengungen auch erfolgten.
Die zweite "Zemlja i Volja" entstand im Wesentlichen aus dem Kreis um Čajkovskij, jedoch bildeten sich in den Folgemonaten immer mehr Kreise heraus, die der Partei nahestanden. Die eigentliche und damit offizielle Gründung der Partei fand allerdings erst 1878 statt. Zwischen den Vertretern der verschiedenen Flügel gab es teilweise nur geringe Übereinstimmungen, so dass die "Zemlja i Volja" trotz ihrer scheinbar festeren Struktur eine politisch sehr durchmischte Gruppe blieb. Die Zeitschrift gleichen Namens wurde herausgegeben von G. V. Plechanov (1856-1918) und S. I. Kravčinskij (1851-1895). Ein Zeichen für das rasche Anwachsen der Bewegung und deren stärker werdenden Rückhalt innerhalb der arbeitenden Bevölkerung war die Mitte Dezember 1876 abgehaltene Demonstration vor der Kazaner Kathedrale, auf der Plechanov selbst eine Ansprache hielt. Trotz des Verbotes erschienen ungefähr 200 bis 250 Arbeiter, auch wenn sich die "Zemlja- i Volja"-Mitglieder im Vorfeld eine größere Teilnehmerzahl erhofft hatten.
Es entstanden im Umfeld der "Zemlja i Volja" verschiedene Kreise, von denen einige klare terroristische Ansätze hatten. Aus ihrer Mitte kam auch V. I. Zasulič (1849-1919). Sie verübte am 05.02.1878 einen Anschlag auf den St. Petersburger Polizeichef F. F. Trepov (1812-1889), aus Verärgerung darüber, dass dieser gegen das Verbot der Prügelstrafe verstoßen hatte. Diese Tat fand nicht nur unter den "Zemlja i Volja"-Anhängern Zuspruch.(22) Wegen der Grausamkeiten Trepovs, die in der anschließenden Gerichtsverhandlung zutage traten, wurde Zasulič freigesprochen, eine Entscheidung, die durch das liberale Publikum durchweg begrüßt wurde.(23) Ein weiterer Anschlag erfolgte am 16.08.1878 auf den Polizeichef Kievs, N. V. Mezenec (1827-1878), durch Kravčinskij. Auch dieser Anschlag wurde mehrheitlich positiv innerhalb der "Zemlja i Volja" aufgenommen.
Ende Juni 1879 trafen sich elf Vertreter der terroristischen Strömung zu einer Versammlung in Lipeck, auf der sie gemeinsam dafür stimmten, ihre Sichtweise bezüglich des Kampfes gegen das Zarentum fest in das Programm der "Zemlja i Volja" zu integrieren. Auch sollte die Partei stärker in die Richtung einer kampfbereiten Geheimorganisation gebracht werden. Auf ihrer letzten in Voronež Mitte des Sommers 1879 tagenden Vollversammlung wurde dann das Ende dieser Organisation besiegelt. Auch wenn die teilnehmenden Vertreter über die möglichen Programmänderungen berieten, kam es zu keinen klaren Beschlüssen. Einerseits lehnten sie eine offene Änderung des Parteiprogramms ab, aber andererseits begrüßten nicht wenige das Konzept der Bildung einer konspirativeren Organisation, um gezielter den Kampf gegen das Zarentum aufnehmen zu können. In ihren Augen hatte sich die Agitation in den Reihen der Arbeiter und Bauern als erfolglos erwiesen. Dies markierte das Ende der "Zemlja i Volja", die nun in die Vertreter der gewaltbereiten und der Gewaltgegner zerfiel.(24) |
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Verfasst am: 22.03.2008, 13:07 Titel: |
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4. Dritte Phase: 1879 bis 1905
In der dritten Phase wurden die linken Bewegungen mehr in die Opposition gedrängt. Erstmals gewinnen die Marxisten größeren Zuspruch in Russland und werden bald die beherrschende Kraft innerhalb der Linken. Der Niedergang des Narodničestvo zeugt auch von einem generellen Wendepunkt in der Entwicklung, denn infolgedessen verstärkt sich die Zahl derer, die die Meinung propagierten, dass der Sturz der Autokratie nicht zusammen mit dem Volk erkämpft werden könne.
4. 1 "Narodnaja Volja"
Die "Narodnaja Volja" (Volkswille) gründete sich im Anschluss an die letzte "Zemlja i Volja"-Versammlung, also im Juli 1879, auf Grund von unüberbrückbaren Differenzen. Innerhalb dieser neuen Partei gab es jedoch auch wieder diese zwei verschiedenen Hauptströmungen, nämlich die Leute, die die revolutionäre Bewegung immernoch als Aufstand der Massen konzipierten, und jene, für die der Umsturz ausschließlich durch Terror erwirkt werden kann. Als Schlagwort hat sich bei letzterer der so genannte "Schlag ins Zentrum" eingebürgert. Das bedeutet die Tötung des Zaren selbst, wodurch die Autokratie zu Fall gebracht werden sollte.(25) Nur so, glaubten sie, wäre der Staat dazu bereit, sich eine fortschrittlichere Verfassung zu geben. Auch wenn diese Gruppierung innerhalb der "Narodnaja Volja" zunächst nur eine Minderheit darstellte, so wurden politische Attentate innerhalb der Partei als legitim betrachtet. Es bildeten sich verschiedene konspirative Zellen, die sich ganz dieser Art des Kampfes verschrieben hatten.
1880 beschlossen die Anhänger der "Narodnaja Volja" das erneuerte Parteiprogramm. Eine der Kernpunkte dessen blieb die Landumverteilung an die Bauern und die rechtliche Stärkung der Obščina. Weitere Forderungen waren die bereits in Bakunins Schriften beschriebenen eigenständigen Gemeinschaften, Rede- und Versammlungsfreiheit und die Einberufung eines Parlaments, welches durch nach westeuropäischem Prinzip abzuhaltenen Wahlen entstehen solle.(26)
Der Staat erkannte alsbald die durch die "Narodnaja Volja" ausgehende Gefahr für die innere Ordnung und ersann eine neue Gegenstrategie. Um die gemäßigteren Kräfte von den radikaleren zu trennen, wurden bereits zurückgenommene Reformen aus den 1860er Jahren wieder neu eingeführt. So sollte verhindert werden, dass die "Narodnaja Volja" einen noch stärkeren Einfluss innerhalb der Intelligenzschicht erlangen konnte. Dennoch schaffte es die "Narodnaja Volja", am 13.03.1881 den Zaren Alexander II. mit Hilfe eines Bombenanschlages zu ermorden. Jedoch wurden die Beteiligten verhaftet und zum Tode verurteilt.(27) Einerseits war dies der Höhepunkt dieser Gruppierung und andererseits auch deren Niedergang, denn es existierte kein Konzept für die Zeit nach Erreichen des Zieles, worauf die Anhänger von der Gründung an hingearbeitet hatten. Ohne jeglichen Plan war die Organisation zunächst gelähmt und dadurch auch leichter zu zerschlagen.(28) Das Ausbleiben jedweder revolutionären Bewegung dürfte der Hauptgrund für die Planungslosigkeit in den Reihen der "Narodnaja Volja" gewesen sein. Es gab zwar noch einige Reste, die versuchten, die Bewegung aufrecht zu erhalten, doch erholen konnte sich die Organisation nach der Verhaftungswelle nicht mehr. Genau sechs Jahre nach dem Zarenmord versuchte der ältere Bruder des späteren Lenin, A. I. Ul'janov (1866-1887), den Zaren Alexander III. zu töten, aber dies misslang und Ul'janov wurde hingerichtet. Dies gilt als das endgültige Ende dieser Organisation.(29)
4. 2 Gruppe "Osvoboždenie truda"
Neben der "Narodnaja Volja" entstand noch eine weitere Gruppe aus der zweiten "Zemlja i Volja", nämlich der "Čërnyj peredel" (Schwarze Umteilung). In dieser Organisation versammelten sich die, denen jede Form des Terrors zuwider war. Zu ihnen gehörten Plechanov, P. B. Aksel'rod (1850-1928) und interessanterweise auch Zasulič. Die Anhänger hingen noch immer der Theorie des Bauernsozialismus an. Im Januar 1881 wurde die erste Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift herausgegeben. Trotz anfänglicher Kooperationsversuche mit der "Narodnaja Volja" vollzog bald nach Auflösung der gemeinsamen Vorgängerorganisation die vollständige Trennung, da die Vertreter der "Narodnaja Volja" auf der Auflösung des "Čërnyj peredel" bestanden.(30) Diese Gruppe existierte jedoch nicht sehr lang und ist somit eher als Übergangserscheinung zu sehen.
Aus dem Schweizer Exil erkannten Plechanov und andere frühere Mitglieder wie gut die marxistische Lehre von der Arbeiterschaft anderer europäischer Länder aufgenommen und angewendet wurde. Dies beeindruckte sie sehr und sie beschlossen, mit dem Narodničestvo zu brechen, gegen den sich Plechanov in den Folgejahren mit mehreren Schriften wandte wie "Unsere Meinungsverschiedenheiten", in der er sich mit der Obščina und dem Kapitalismus auseinandersetzte. So enstand 1883 die Gruppe "Osvoboždenie Truda" (Befreiung der Arbeit) mit dem ausdrücklichen Ziel, den wissenschaftlichen Sozialismus nach Marx in Russland zu propagieren. Plechanov hatte erkannt, dass die russische Obščina vom Wesen her nicht an kommunistische Lebensformen angelehnt war und daher ungeeignet sei, den Sturz der Autokratie zu tragen. Daher solle ihr nur eine passive Rolle zustehen. Die eigentliche treibende Kraft käme aus dem Industrieproletariat.(31) Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der russischen Industriearbeiter galten als unzumutbar. Die Behausungen waren sehr dürftig und häufig schliefen die Arbeiter in Baracken auf dem Fabriksgelände. Obwohl die Löhne nur gering ausfielen, mussten die Arbeiter das, im Vergleich zum Land teurere, Leben in der Stadt finanzieren. Die Arbeitszeiten lagen bei 12 bis 14 Stunden täglich und es gab keinerlei Arbeitsplatzsicherungen. Um der Radikalisierung der Industriearbeiter entgegenzuwirken, verabschiedete der Staat zahlreiche Gesetze zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. 1882 wurde die Kinderarbeit begrenzt, 1885 für Frauen und Kinder ein Verbot gegen Nachtarbeit verhangen, ab 1886 gab es staatliche Fabrikinspektionen, 1896 wurde die Arbeitszeit auf 11,5 Stunden je Tag verkürzt und 1903 führte man eine Haftpflicht gegen Arbeitsunfälle ein. Jedoch änderten diese Gesetze vergleichsweise wenig an den realen Lebensbedingungen.(32) Trotzdem gelang es der "Osvoboždenie Truda" zunächst nicht, Anhänger innerhalb der Intelligenz und der Arbeiterschaft zu gewinnen, da der Einfluss der "Narodnaja Volja" noch zu stark war. Sie ließen sich davon aber nicht entmutigen und verfolgten weiterhin ihren Kurs. So veröffentlichten sie 1885 ihr Programm, nach dem sie sich hauptsächlich einsetzen wollten für einen demokratischen Staat und für die Befreiung der Arbeiterschaft aus den Fängen des kapitalistischen Systems. Dazu gehörte der Verkauf von Boden und dessen Abgabe an die Bauern und die Gewährung des Rechts, die Obščina offiziell verlassen zu dürfen. Auch sollten die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern neu geregelt werden. 1889 war Plechanov für die Organisation auf der "Zweiten Sozialistischen Internationale" vertreten. Die "Osvoboždenie Truda" nahm auch an den folgenden Kongressen der "Internationale" teil und repräsentierte so die lange Zeit alleinig russischen Sozialdemokraten. Die bemerkenswerteste Leistung dieser Organisation ist die Übersetzung vieler marxistischer Werke, die so einem breiteren Publikum innerhalb Russlands zugänglich wurden.(33)
4. 3 Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDRP)
Die "Rossijskaja Social-demokratičeskaja Rabočaja Partija" gründete sich März 1898 in Minsk als Zusammenschluss verschiedener marxistischer Kreise. Auf der Gründungskonferenz wurden die engen Verbindungen zwischen ihnen und der "Narodnaja Volja" hervorgehoben, so dass sich bereits hier zeigt, welchen Weg die RSDRP einschlagen werden wird. Kurz darauf kam es allerdings zu einer weiteren Verhaftungswelle, so dass die RSDRP erst einmal auf dem Papier bestehen blieb. Doch gab es nun zum ersten Mal eine weitere Teile Russlands umspannende marxistische Partei.
Dezember 1900 erschien in Zusammenarbeit mit der "Osvoboždenie Truda" die erste Ausgabe der Parteizeiung "Iskra" (Funke). Hauptaufgabe dieser war die Propagierung ihrer politischen und revolutionären Ideen, aber sie sollte auch helfen, den Einflussbereich zu vergrößern. 1902 gab V. I. Lenin (1870-1924) die Schrift "Čto delat'?" (Was tun?) heraus, in der seine Theorien über die Auslegung der Partei als Armee von Berufsrevolutionären darlegte.(34) Im Juli 1903, auf dem zweiten Parteikongress, sollte der Partei Leben eingehaucht werden. Doch zerstritten sich die Delegierten bereits über die Parteistruktur. Lenin bestand auf seine Vorstellung über die Berufsrevolutionäre und wollte die Mitgliedschaftsbedingungen stark erschweren. Nur so könne man sich gegen den Staat durchsetzen. Den Gegenpol bildete Ju. O. Martov (1873-1923), der für eine demokratische Parteistruktur eintrat und generell die Zusammenarbeit mit anderen Parteien gewähren wollte. Da nach einiger Zeit viele Konferenzteilnehmer die Sitzung verlassen hatten, verblieben als Mehrheit die Anhänger Lenins bestehen, die sich seitdem als Bolschewisten bezeichneten und von da an die Geschicke der Partei in die Hand nahmen und sie nach und nach im Sinne eines kampfbereiten Machtapparates ausbauten. Die so genannten Minderheitler, die Menschewisten, kooperierten zwar mehrheitlich weiterhin mit den Bolschewisten, aber die innere geistige Trennung blieb unüberbrückbar.(35) Obgleich die RSDRP inhaltlich zwar wie die "Osvoboždenie Truda" marxistisch war, setzte sie den Weg der terroristischen Strömung, der Zermürbung des Staates, fort.
4. 4 Radikale Zemstvo-Bewegung
Die liberalen Zemstvo-Vertreter mussten vielerorts beobachten, dass, obwohl die Leibeigenschaft bereits 1861 abgeschafft worden war, das Prinzip noch immer fortlebte, denn die Bauern waren dazu gezwungen, das Land zu kaufen, auch wenn ihnen die Mittel fehlten, so dass sie es bei ihren ehemaligen Gutsherren abarbeiten mussten. Daher blieben viele Bauern noch lange in Abhängigkeit von den Gutsherren und ihre Lage hatte sich somit wirtschaftlich gesehen nur schwerlich oder oftmals sogar überhaupt nicht verbessert.(36) Dies vergrößerte den Willen zu Reformen auf seiten der Zemstva, von denen viele mit der Zeit ihr ihnen gemeinsames politisches Potenzial erkannten und versuchten, diese und andere Forderungen gegen das autokratische Regime durchzusetzen.
Die Zemstva hatten sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einer vom Staat erdachten bloßen Beschäftigung für den Landadel als Ausgleich für den schwindenden Einfluss auf dem Land zu einem Eckpfeiler des gemäßigten nichtrevolutionären Liberalismus entwickelt.(37) Im August 1896 wurde der erste Zemstvo-Kongress gegen die aktuelle Wirtschaftspolitik des Finanziministers S. Ju. Vitte (1849-1915) unter dem Vorsitz des ansich regimtreuen D. N. Šipov (1851-1920) in Nižnij Novgorod abgehalten. Doch da Vitte nicht bereit war, einzulenken, entschloss sich Šipov, wie auch viele andere bisher regimetreue Zemstvo-Mitglieder, ein Bündnis mit den radikaleren Kräften der Zemstvo-Bewegung einzugehen. So wurde für einen kurzen Zeitraum die Spaltung zwischen den beiden Strömungen zugunsten der radikaleren aufgehoben. Aus Vittes Schrift "Autokratie und Zemstva" erwuchs die Angst, dass er vorhabe, alle Zemstva aufzulösen, um so die sich allmählich verstärkende Opposition im Keim zu ersticken, da in den Augen der Autokratie die Gefahr bestand, dass sich aus den Zemstva ein Parlament entwickeln könnte. August 1898 gab es ein geheimes Treffen der Zemstva, auf der sich selbst Šipov gegen die Regierungspolitik aussprach und die bedingungslose Rückkehr zum ursprünglichen Zemstvo-Statut von 1864 forderte. Zudem sollte der Einfluss der Angehörigen der anderen Stände erweitert werden, um eine größere Gerechtigkeit zu erwirken. Im Frühling 1901 wurde ein Zemstva-Landwirtschaftskongress einberufen, auf der neben wirtschaftlichen Fragen ebenfalls soziale erörtern wurden. Es kam die Idee auf, eine zusätzliche Zemstvo-Einheit zu schaffen, die es ermöglicht hätte, dass Bauern für Bauern Entscheidungen treffen und somit sichergestellt würde, dass auch wirklich auf die Belange der Bauern eingegangen würde. Dieser Plan konnte sich letztendlich gleichfalls nicht gegen den Staat durchsetzen. Sommer 1902 tagte die nächste Zemstvo-Konferenz auf der ein weitreichender Forderungenkatalog zustande kam, zu dem erneut die Wiederherstellung des Zemstvo-Statuts von 1864 gehörte wie auch die rechtliche Gleichstellung der Bauern und das Recht auf Diskussionsfreiheit der staatlichen Wirtschaftspolitik. Bezüglich dessen sollte der Staat generell die Wirtschaftspolitik nach den Wünschen der Zemstva verändern und im Besonderen die indirekten Steuern abschaffen. Es wurde auch beschlossen, von da an alljährlich Zemstvo-Kongresse abzuhalten.
Aus der Zemstvo-Bewegung erwuchs auch noch eine weitere Strömung, die sich mehr auf die städtische Intelligenz konzentrierte und so ländliche und städtische Intelligenz miteinander verband.
März 1901 gab es eine Demonstration auf dem Kazaner Platz unter Einbeziehung der gesamten Intelligenz St. Petersburgs, doch wurde die Veranstaltung von Kosaken zerschlagen. Der Schriftstellerverband protestierte vehement gegen dieses Vorgehen und wurde daraufhin verboten. Im gleichen Jahr begann P. B. Struve (1870-1944) mit der Arbeit an der Zeitung "Osvoboždenie" (Befreiung). Sie erschien ab 1902 in Deutschland und wurde von dort illegal nach Russland, an ihren eigentlichen Bestimmungsort, gebracht. Diese Zeitung entwickelte sich bald darauf zum Organ der sich formierenden Bewegung der Zemstvo-Konstitutionalisten, die sich November 1903 erstmals innerhalb einer Organisation zusammentraten, und zwar unter dem vorläufigen Namen "Sojuz Zemskich konstitucionalistov" (Bund der Zemstvo-Konstitutionalisten). Bereits im Januar des Folgejahres gründete sich in St. Petersburg der "Sojuz Osvoboždenija" (Bund der Befreiung). Hauptforderungen war die Umbildung des Staates in eine konstitutionelle Demokratie, dann ein reformiertes Wahlrecht, das nach den Prinzipien der allgemeinen, freien, geheimen und direkten Wahl funktionieren sollte, sowie größeren Schutz der Arbeiterschaft durch den Staat.(38) November 1904 fand ein vom Staat, wenn auch mit Widerwillen, genehmigter Kongress der Zemstva statt und hier zeigte sich, dass die Zemstvo-Konstitutionalisten in der Überzahl waren. Die laufende Bankettbewegung verfehlte nicht ihre Wirkung. Der Name stammt daher, dass die Versammlungen bei privaten Essen abgehalten wurden, um der Zensur zu entgehen. Die Beschlüsse umfassten einerseits soziale Fragen nach der Schaffung von allgemeinen Grundrechten und der Abschaffung von Diskriminierung und andererseits politische Forderungen wie die Schaffung eines Parlamentes, dem eine neu zu bildende Regierung Rechenschaft schuldig zu sein hat, und dem die Gesetzgebung und die Kontrolle des Staatssetats zu unterliegen hat.(39) |
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Cxislo
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Verfasst am: 22.03.2008, 13:07 Titel: |
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5. Schlussbetrachtung
Als große Besonderheit Russlands während dieser Zeit muss man hervorheben, dass es bis zum Ende dieser die vorliegende Arbeit umspannenden Zeitspanne gesetzlich verboten war, politische Parteien zu gründen, so dass unmöglich war, sich unter legalen Rahmenbedingungen zu treffen, um politische Fragestellungen zu erörtern.(40) Daher wurden kritisch Denkende häufig unweigerlich in die Illegalität gedrängt.
Hildermeiers These "Der soziale und wirtschaftliche Wandel eilte der Entwicklung den politisch-administrativen Institutionen davon." trifft die Problematik sehr gut.(41) Die Beibehaltung der absolutistischen Monarchie, die trotz mehrerer zaghafter Reformversuche in ihrem Wesen bis 1905 gleich blieb und keine Meinungsäußerung innerhalb des Volkes und erst recht keine Mitbeteiligung dessen zuließ, zementierte die politische Rückständigkeit im europäischen Vergleich. Da aber der Kontakt zu den westeuropäischen Staaten nicht unterbunden werden konnte, breitete sich westliches Gedankengut auf Russland aus. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen mehr und mehr radikalisierten. Obgleich sowohl die ländliche als auch die städtische Intelligenzschicht nicht komplett als radikal einzustufen waren, sondern große Anteile Gemäßigterer aufwiesen, blieb ihnen oft nur der Weg über die Radikalität, um ihren Wünschen Ausdruck verleihen zu können. Dies destabilisierte den Staat noch zusätzlich und hätte durch weitere Zugeständnisse vermieden werden können.
Weiterhin war der russisch-japanische Krieg eine zusätzliche und selbst herbeigeführte Bürde, die aber entscheidend dazu beitrug, die Grabenkämpfe zwischen den Oppositionellen zeitweilig zu unterbinden. Dies ermöglichte es ihnen, eine gemeinsame Front gegen das Zarenregime zu bilden, die schließlich in die Revolution von 1905-1907 mündete.
6. Quellen
1. Hildermeier, Manfred: Die revolutionäre Bewegung, in: Handbuch der Geschichte Russlands, Band III, 1856-1945, von den autokratischen Reformen zum Sowjetstaat. Hrsg. Schramm, Gottfried, Stuttgart 1983, Anton Hiersemann, S. 143-169, 309-315.
2. Hildermeier, Manfred: Die Russische Revolution 1905-1921, Frankfurt am Main 1989, S. 14-50.
3. Mommsen, Wolfgang J.: Das Zeitalter des Imperialismus, Augsburg 1998.
4. Spiridovič, Aleksandr I.: Bol'ševizm: ot zaroždenija do prichoda k vlasti [Bolschewismus: von der Entstehung bis zum Machtantritt], Moskau Neuauflage 2005, Kapitel I-III.
5. Stöckl, Günther: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 5. Aufl., Stuttgart 1990, Kröner, S. 543-618.
6. Torke, Joachim: Lexikon der Geschichte Russlands, München 1985, diverse Artikel.
Fußnoten
1. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 145-147.
2. Vgl. Hildermeier: Die Russische Revolution. S. 34.
3. Vgl. Stöckl: S. 567-571.
4. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 148-150.
5. Vgl. Stöckl: S. 570.
6. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 150.
7. Vgl. Stöckl: S. 568-571, S. 544-547.
8. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 150-152.
9. Vgl. Stöckl: S. 571.
10. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 152f.
11. Vgl. Stöckl: S. 572.
12. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 153f.
13. Vgl. Stöckl: S. 572f.
14. Vgl. Torke: S. 244f.
15. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 160, S. 155f.
16. Vgl. Stöckl: S. 574.
17. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 156-158.
18. Vgl. Stöckl: S. 575.
19. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 159-161.
20. Vgl. Stöckl: S. 574-578.
21. Vgl. Torke: S. 246.
22. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 161-164.
23. Vgl. Stöckl: S. 578f.
24. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 161-164.
25. Vgl. Torke: S. 246.
26. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 165f.
27. Vgl. Stöckl: S. 580f.
28. Vgl. Torke: S. 247.
29. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 165f.
30. Ebd.: S. 164., S. 167.
31. Spiridovič: S. 34-37.
32. Vgl. Hildermeier: Die Russische Revolution. S. 32f.
33. Spiridovič: S. 38-44.
34. Spiridovič: S. 52-54, S. 62-64.
35. Vgl. Hildermeier: Die Russische Revolution. S. 40f.
36. Ebd.: S. 19f.
37. Vgl. Stöckl: S. 593.
38. Vgl. Hildermeier: Die revolutionäre Bewegung. S. 308-315.
39. Vgl. Stöckl: S. 594.
40. Vgl. Mommsen: S. 91.
41. Vgl. Hildermeier: Die Russische Revolution. S. 50. |
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Cxislo
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Verfasst am: 17.04.2008, 21:16 Titel: |
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Auch wenn einige Schreib- und Ausdrucksfehler drin sind, habe ich tatsächlich eine 1,0 darauf bekommen!
Juhu!  |
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